Francisca Linconao, Infos und Petition

Interview mit Ingrid Conejeros Montecinos, Sprecherin der Mapuche auf der Buena Onda, Radio Flora, 19.11.2016

 

Petition: Fondo de Accion Urgente para América Latina y El Caribe

 

Übersetzung: Freiheit jetzt für die Machi Francisca Linconao!

 

Wir fordern vom chilenischen Staat:

 

Wir beantragen auch bei der Interamerikanischen Menschenrechtsorganisation (CIDH):

 

Die Machi – spirituelle Autorität – Francisca Linconao ist eine Verteidigerin der kollektiven Rechte und der Gebiete der Ahnen des Mapuche-Volkes gegenüber der Forstindustrie in der Araukanie [Wohngebiet der Mapuche im Süden; d. Übers.] in Chile. Derzeit ist ihr Leben in höchster Gefahr wegen der zunehmenden Verschlechterung ihres physischen und emotionalen Gesundheitszustands aufgrund des fehlenden Zugangs zur Natur und ihren Heilpflanzen, während sie ungerechtfertigter Weise in Temuco in Untersuchungshaft gehalten wird.

 

Die Machi wurde im März 2016 gewaltsam festgenommen und beschuldigt, in den Fall Luchsinger-Mackay (s. Note am Ende des Textes) vom Januar 2013 verwickelt zu sein. Obwohl sie damals in diesem Fall freigesprochen worden ist, wird sie heute des Terrorismus beschuldigt und es wird lebenslange Haft für sie beantragt.

 

Die Anklage gegen sie, deren einziger Beweis eine Aussage ist, die durch Drohungen und Folter zustande kam, ist in jeder Hinsicht illegal und verletzt die Interamerikanische Konvention der Menschenrechte und das Abkommen 169 der ILO und stützt sich auf das Antiterrorismusgesetz 18314, welches allgemein in Frage gestellt wird, weil es nicht die minimalen Anforderungen an einen ordentlichen Prozess erfüllt und das Recht auf sozialen Protest verletzt.

 

Die Machi Francisca Linconao befindet sich seit mehr als 7 Monaten im Gefängnis und zu drei Gelegenheiten konnte sie unter Bedingungen des Hausarrestes in ihr Haus zurückkehren, die jedoch auf ungerechtfertigte Weise widerrufen wurden, sodass sie ins Gefängnis zurückmusste. Zur Zeit leidet sie unter chronischer erosiver Gastritis im Antrum des Magens, chronischem Bluthochdruck, Hexenschuss, depressiv-unruhigem Syndrom und einem radikalen Gewichtsverlust bis auf 45 Kilo, der sich in der Gefangenschaft rapide zuspitzt.

 

Wir sind alarmiert angesichts der Fortdauer der Aggressionen und der systematischen Anwendung der Kriminalisierung durch staatliche und unternehmerische Akteure, um die Kämpfe der indigenen Frauen zu stoppen, die ihre Rechte und die kollektiven Gebiete ihrer Völker gegen die Aufbürdung von „Entwicklungsprojekten“ verteidigen. Diese Fakten, weit entfernt davon, eine Ausnahme zu bilden, stellen eine Tendenz dar, die in der Region zunimmt.

 

Schluss mit der Gewalt und dem Unrecht gegen die Mapuche-Frauen!

 

Schluss mit der Repression und rassistischen Verfolgung von Verteidiger*innen und traditionellen Autoritäten der Mapuche durch den chilenischen Staat!

 

Hintergrund:

Der Fall des Großgrundbesitzers und Agrarunternehmers Werner Luchsinger und seiner Frau Vivianne Mackay, die vor drei Jahren bei einem Brandanschlag auf ihr Haus ums Leben kamen. Die aus der Schweiz stammende Familie Luchsinger besitzt Land, auf das Mapuche-Gemeinschaften Anspruch erheben, weigert sich jedoch, dieses zu verkaufen.

In den heute umstrittenen Besitz der 1.200 Hektar kam Familie Luchsinger Anfang des 20. Jahrhunderts durch das indigenenfeindliche Kolonisationsprojekt Chiles, in dessen Rahmen europäische Siedler*innen Land vom Staat geschenkt bekamen. Die Mapuche, die bis Ende des 19. Jahrhunderts ihre Autonomie im Süden Chiles verteidigen konnten, wurden dafür enteignet und vertrieben. Für jeden Siedler gab es 70 Hektar, plus 30 weitere Hektar für jeden Sohn und zehn für jede Tochter. Aber Familie Luchsinger zog Zäune und erweiterte ihr Areal stetig. „Früher gab es hier keine Zäune. Aber weil sie Geld hatten, konnten die Luchsinger Zäune und Markierungen ziehen, wie es ihnen gefiel. Danach wurde vermessen und die entsprechenden Dokumente wurden ausgestellt“, erklärt Moisés Quidel, Mitglied der Mapuche-Gemeinschaft.

Den angrenzenden Mapuche-Gemeinschaften sprach der chilenische Staat im Rahmen der sogenannten Barmherzigkeitstitel etwa 50 Hektar pro zehn Familien zu – zu wenig für die von der Landwirtschaft lebenden Gemeinschaften. „Die Alten sagen, der Landverlust war so immens und der ganze postkoloniale Prozess so gewalttätig, dass viele Menschen völlig verarmt sind. Es blieb ihnen weder Land, noch Vieh. Auch die Saat wurde ihnen weggenommen, sodass sie nichts mehr anbauen konnten”, erzählt comunero Moisés Quidel. Die Familie Luchsinger nutzte die Armut der Mapuche für sich: Schulden, die Mapuche in einem Lebensmittelgeschäft der Luchsinger machten, um nicht zu verhungern, wurden in Form von Landüberschreibungen beglichen.

Im Rahmen des chilenischen Indigenengesetzes wäre es heute möglich, dass die Familie Luchsinger Teile ihres Landes zu Marktpreisen an den Staat verkauft, der diese dann den Mapuche überschreiben würde. Doch dazu sind die Luchsingers nicht bereit. Nachdem auf legalem Weg nichts zu erreichen war, begannen die Mapuche Ende der 1990er Jahre unter anderem mit Landbesetzungen und Brandanschlägen gegen ihre immer noch prekäre Situation vorzugehen. Bei einer Besetzung eines der Luchsinger-Areale am 3. Januar 2008 wurde der Mapuche-Aktivist Matías Catrileo von einem Polizisten mit einer Maschinenpistole erschossen. Der Fall ist einer der am häufigsten zitierten Fälle von exzessiver Polizeigewalt in Chile. Der Polizist, der Catrileo erschoss, wurde lediglich zu einer Strafe von drei Jahren Hausarrest verurteilt. Genau fünf Jahre nach dem Mord an Catrileo, am 3. Januar 2013 ging das Haus des Ehepaares Luchsinger-Mackay in Flammen auf.

2014 wurde der Machi (Heiler und religiös-spirituelle Autorität) Celestino Córdova wegen Brandstiftung mit Todesfolge zu 18 Jahren Haft verurteilt. Er wurde noch in derselben Nacht verhaftet, knapp 1800 Kilometer vom Haus Luchsingers entfernt. Der angebliche Beweis: Eine Schussverletzung, die ihm Werner Luchsinger vor seinem Tod zugefügt haben soll. Córdova bestreitet, bei der Tat vor Ort gewesen zu sein. Andere Spuren wurden jedoch nie verfolgt. Der ehemaliger Präsident Sebastián Piñera, das Innenministerium und die Staatsanwaltschaft forderten eine Verurteilung Córdovas nach dem Antiterrorgesetz. Dieses Vermächtnis der Militärdiktatur erlaubt unter anderem deutlich höhere Haftstrafen. Die Richter*innen konnten den terroristischen Charakter jedoch nicht feststellen. Möglicherweise ein Grund für die Staatsanwaltschaft, den Fall jetzt neu aufzurollen.

Präsidentin Michelle Bachelet hatte in ihrem Wahlkampf zwar angekündigt, keinen Gebrauch vom Antiterrorgesetz aus Diktaturzeiten zu machen, aber bei den elf momentan im Gefängnis von Temuco inhaftierten Mapuche, handelt es sich wohl wieder um eine „Ausnahme“: Die Regierung klagt nun wegen Brandstiftung mit Todesfolge und terroristischem Charakter. Es ist bereits das fünfte Mal in Bachelets zweiter Amtszeit und das vierte Mal in der Region La Araucanía, dass die Präsidentin ihr Versprechen bricht. „Ich und meine Familie haben für Sie gewählt“, schreibt die im Fall Luchsinger-Mackay festgenommene Machi Francisca Linconao aus dem Frauengefängnis in Temuco in einem offenen Brief an Präsidentin Bachelet. „Ich hatte gehofft, die Lage würde sich dann verbessern.“ Ihre Erwartungen wurden enttäuscht.