Lesungen Ruth Weiss Juni/Juli 2020

Online Lesungen mit Ruth Weiss -
Fragen und Antworten

 

 

Ruth Weiss 2005

 

Das 3WF Hannover hat die Ehre, 2020 mit Ruth Weiss zusammen zu arbeiten. Ruth Weiss wurde 1924 in Fürth in Mittelfranken geboren. Mit ihrer jüdischen Familie musste sie als Kind vor dem Rassismus in Nazi-Deutschland fliehen. Ihre Familie siedelte 1936 nach Südafrika über, wo sie wieder mit rassistischen Strukturen konfrontiert war. Sie engagierte sich gegen die Apartheid und musste daher Ende der 1960er Jahre auch dieses Land verlassen. Sie sagt über sich:

 

I am an author, speaker and fighter against racism in all its forms.

 

Mehr Informationen auf https://ruthweiss.net/

 

Nachdem die für Ende Mai 2020 geplante Lesereise in Begleitung ihres Verlegers und Freundes Lutz Kliche wegen der Maßnahmen zur Prävention der Corona Pandemie ausgefallen ist, können wir die geplanten Lesungen dank der vereinten Anstrengungen aller Beteiligter online anbieten.

 

Die erste Lesung "Ein Leben gegen Frauenfeindlichkeit und Rassismus" fand in Kooperation mit dem Förderverein der Gedenkstätte Ahlem statt.

 

Auf der Webkonferenz über die Zoom Plattform des Fördervereins am 23.06.2020 entwickelte sich mit ca. 20 Beteiligten eine lebendige Diskussion stattgefunden, bei der Inhalte der Lesung von Frau Weiss und Herrn Kliche noch einmal erweitert und vertieft wurden.

 

Am Gymnasium Bad Nenndorf haben ca. 120 Schüler*innen aus den Jahrgängen 9 - 12 die Lesung "Zeitzeugin Ruth Weiss" angeschaut und folgende Fragen gestellt, die Ruth Weiss per Email beantwortet hat:

 

1. Wie ist es Ihnen möglich, das Schlechteste der Menschheit erlebt zu haben und nicht alles und jeden dafür zu hassen?

 

Ich hatte einen Teil der Kindheit in einem Dorf erlebt, konnte mit Fahrrad und Hund den Wald und Umgebung erforschen, sodass ich die Natur und Tiere lieben lernte. Dazu gehört auch der Mensch. Ich fühlte mich in der Familie geliebt, liebte die Eltern, Schwester, Großeltern, Verwandte, hatte den festen Glauben an einen Ewigen, der die Welt und damit auch die Menschen erschaffen hatte. So wusste ich, dass es Gutes und Böses gab und man sich selbst entscheidet Gutes oder Böses zu tun. Da ich Demütigung und Angst vor anderen erlebt hatte, verstand ich die dunkelhäutigen Menschen, deren Schicksal ich unerwartet kennen lernte. Also war es unmöglich alle Menschen zu hassen! Nur diejenigen die anderen Böses antun. 

 

2. Bedauern Sie es in der wertvollsten Zeit Ihres Lebens diese Abgründe der Geschichte erlebt zu haben?


Nein. Es prägte mein Leben und gab diesem einen Sinn und Aufgabe: sich um das Schicksal anderer zu kümmern - auch zu verstehen, Geschichte zu  kennen.

 

3. Leben Sie noch in Südafrika?

 

Nein. Nach vielen anderen Stationen lebe ich seit einigen Jahren bei meinem Sohn in Dänemark. Ich war Journalistin und wurde 1966 von meiner Johannesburger Zeitung als Berichterstatterin in ein Nachbarland (Südrhodesien) entsandt, doch danach wurde mir die Rückkehr nach Südafrika verboten, auch meinen südafrikanischen Pass entzog man mir wegen meiner Einstellung zur Rassenpolitik (Apartheid genannt). Aus demselben Grund wurde ich aus dem (weiß regierten) Nachbarland deportiert. Mit dem Land und Apartheid beschäftigte ich mich weiter. Nach Südafrika durfte ich erst wieder einreisen, nachdem Nelson Mandela 1990 freigelassen wurde. Das Nachbarland (seit 1980 Zimbabwe), lud mich nach der Unabhängigkeit ein um Wirtschaftsjournalisten auszubilden, was ich  u.a. tat und bis zum Ruhestand dort tätig war.

 

4. Wie ging es mit Ihnen dort weiter?

 

Ich erhielt kurz vor meiner Deportation ein Jobangebot aus London von der nationalen Tageszeitung „The Guardian“, das ich gern annahm. Aus familiären Gründen kehrte ich nach mehreren Jahren nach Afrika, diesmal Zambia zurück, arbeitete als Wirtschaftsredakteurin der Tageszeitung sowie Korrespondentin der London Financial Times, später nahm ich andere Jobs an wie bei der Deutschen Welle in Köln und wie gesagt in Afrika.

 

5. Was haben Sie persönlich gegen den Rassismus in Südafrika unternommen?

 

Ich kämpfte mit meiner Schreibmaschine gegen Rassismus (wie es hieß als ich als eine der 1000 Frauen stellvertretend für alle Frauen für den Friedensnobelpreis nominiert wurde). In den 80er Jahren konnte ich in Zimbabwe an einem Projekt mitarbeiten, das versuchte zum Ende der Apartheid beizutragen, indem wir im Geheimen weiße und schwarze SüdafrikanerInnen zusammen brachten.

 

Auch 43 Schüler*innen des Ratsgymnasiums Stadthagen aus Jahrgang 8 und 12 haben sich eine Lesung von Ruth Weiss im Unterricht angeschaut. Hier die Antworten von Ruth Weiss auf die zugesandten Fragen:

 

1. Wie hat sich Ihre Vergangenheit heutzutage auf Sie ausgewirkt?

 

Ich habe nie vergessen dass wir gedemütigt wurden und habe versucht, andere zu respektieren. Außerdem bin ich stets für Ungerechtigkeit, Rassismus und natürlich Antisemitismus aufmerksam - so habe ich z. B. gestern eine engl. Bittschrift fuer die Entlassung eines Journalisten unterschrieben, der in Zimbabwe Korruption der Regierung aufgedeckt hat.

 

2. Was war das schlimmste, das in Ihrer Vergangenheit passiert ist? 

 

Es war mir ab 1966 nicht mehr möglich nach Suedafrika zu reisen wegen meiner Einstellung zur gesetzlichen Rassentrennung. Als mein Vater im Sterben lag und ich ihn, er mich sehen wollte, bat ich die Botschaft ihn besuchen zu dürfen. Das wurde nicht zugelassen und war sehr schlimm fuer mich. Ist es noch immer, dass ich mich nicht verabschieden konnte.

 

3. Gab es positive Erlebnisse? Wenn ja, was war das schönste, was sie erlebt haben?

 

Dass ich mit fast 42 einen Sohn bekommen durfte.

 

4. Was können Sie uns heutzutage als Lehre mit auf den Weg geben?

 

In Anbetracht der neuen Medien und der Masse an Informationen, die Sie bekommen, denke ich muss man lernen, das wirklich Wichtige zu  schätzen und sich dabei auch unbequemen Fragen zu stellen. Dabei sollte man nie vergessen einzugreifen, wenn ein anderer ungerecht oder abschätzend behandelt wird. Nicht weggschauen!  

 

5. Wie haben Sie sich gefühlt, als sie die einzige weibliche Person waren, die in der Synagoge im Vorort war? Waren Sie ganz alleine?

 

Ja, es war ein normaler Shabbat aber wie ich sagte, es lebten nicht mehr sehr viele Juden in unserem Bezirk, meistens ältere Leute, sodass ich mich etwas verlassen fühlte und sicher fehl am Platz.

 

6. Wollten sie Journalistin werden oder war dies ein Muss für Sie?

 

Ich hatte zuvor einen tollen Job in der Wirtschaft in einem Posten, den eigentlich damals nur Männer hatten. Gleichzeitig hatte ich für meinen Mann, der Journalist war, über Wirtschaft, dann auch Politik geschrieben und bin für ihn gereist. Das hat mir enorm viel Spass gemacht und als ich aus politischen Gruenden kündigte, hatte ich die Wahl, was ich nun tun sollte - und wählte den Journalismus und bekam sofort eine Stelle in einer bekannten Wirtschaftszeitung - ich habe diesen Entschluss nie bereut.

 

Schließlich zeigten wir in Kooperation mit dem Förderverein ehemalige Synagoge e.V. in Stadthagen ab dem 7.07.2020 die Lesung "Ruth Weiss - Eine jüdische Journalistin in Südafrika" .

 

Weitere Fragen zu den beiden letztgenannten Lesungen bitte per Email an 3wfhannover@gmail.com schicken. Sie werden an Ruth Weiss und Lutz Kliche weitergeleitet und auf dieser Seite und per Email beantwortet.

 

 

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